Liebe Grüße vom gerissenen Kreuzband
Seit Jahren sichern Kameraden Unfall-Erstversorgung in Region ab - doch Wunsch nach modernem Einsatzgerät bleibt offen.
Rund 5000 Stunden freiwilliger Arbeit buckelten sich Scheibe-Alsbachs Bergwachtkameraden vergangenes Jahr auf: Übung und Materialpflege, Lehrgänge und Einsatz, Winter wie Sommer. Zurzeit dominiert die Sicherheitspräsenz in Steinachs Skiarena das Geschäft der Retter.
STEINACH/Scheibe-Alsbach - A wie Ankerwettkampf, B wie Biathlon-Ranglistenturnier, C wie Crosswettkampffinale - bis hin zum Zwergencup buchstabiert sich das Geschehen bei der Bergwacht Scheibe-Alsbach. Ein Alphabet, das das ganze Jahr überspannt. Und die gesamte Region: Das Dienstgebiet der Kameradschaft ist in drei Jahrzehnten ihres Bestehens auf 15 Kommunen angewachsen. Es reicht vom Pumpspeicherwerk Goldisthal, bis kurz vor Katzhütte, über Steinach und Steinheid bis Masserberg, vom Nachbarlandkreis Hildburghausen zurück ins Schaumberger Land.
Zurzeit sind die Scheibener vorrangig in Steinach im Einsatz und sichern dort den Schneetrubel: Streifendienst am Silbersattel heißt es im Terminkalender, Spaßwacht in der Skiarena im Volksmund. Mit zwei bis drei Mann schiebt man dort den Tag über Schicht. Ehrenamtlich.
Über die Disziplin der Brettlkünstler möchte Konni Lutter nicht groß meckern. "Es gibt halt solche und solche", beschwichtigt der Chef der Bereitschaft. Die Jüngeren drängelten eher am Lift, die etwas Älteren toben sich dagegen auf der Piste aus. Einheimische wie Auswärtige. Alles in allem kein Grund zur Klage.
Die Verantwortung der Aktiven hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen: Die Scheibener Bergwacht-Kameraden leisten Erstversorgung. Wer sich geprellt hat, bekommt einen Verband, wem der Kreislauf wegsackt, darf auf die Pritsche pausieren bis er sich wieder fit fühlt, auf eine Abschürfungen wird ein Pflaster geklebt. Im Gros sind es somit eher Kleinigkeiten die im Bergwacht-Domizil an der Mittelstation verarztet werden. Doch man soll sich nicht täuschen: Auch über umfassendere Verletzungen, die eine Nachsorge vom Notarzt oder eine Einlieferung ins Krankenhaus nach Sonneberg oder Neuhaus nötig machen, entscheiden die Retter vor Ort.
Diese Zahl nimmt zu: Seit drei Jahren ist die Bergwacht Scheibe-Alsbach auf dem Fellberg im Einsatz: 14 Unfälle, die es nötig machten den Sanka anzufordern, waren es 2002, im Jahr darauf bereits 25 und in der zurückliegenden Saison immerhin 41. Klar, alpines Abfahrtsvergnügen ist im sportlichen Verletzungsrisiko nicht gerade mit Tischtennis zu vergleichen. Unabhängig davon fällt das drastisch gestiegene Unfallgeschehen auch mit eine deutlichem Plus bei den Besucherzahlen zusammen. Im Zeitraum von 2002 bis 2004 kletterte diese von rund 24 000 auf etwa 36 000 in der vergangenen Saison. Und nicht alle, die in der Fellberg-Manege auftreten, sind eben zugleich erfahrene Ski-Artisten ...
Die gute Zusammenarbeit mit der Skiarena lobt Lutter: "Einen eigenen, acht Jahre alten Schlitten hat die Bergwacht vor Ort. Den Zugriff auf den größeren, zum Abtransport von Verletzten geeigneten Skiarena-eigenen Schneespurschlitten regelt man per Zuruf, ein festes Domizil an der Mittelstation wurde überlassen. Und eine Spende fürs Engagement sattelt der Vergnügungspark ab und an noch oben drauf."
Doch ansonsten ist es mit der Unterstützung für die Retter nicht weit her. Klar: Die Erstversorgung von Unfallopfern wird von den Krankenkassen erstattet. Das bringt ein bisschen Geld. Doch vergangenes Jahr versuchte Lutter in den Kommunen im Dienstgebiet für eine Spende zu werben. Mittelfristig müsste der Fuhrpark erneuert werden, sagt der 35-Jährige.
Drei alte Schneeschlitten stehen in der Hütte der Bergwacht in Scheibe-Alsbach, allesamt Hinterlassenschaften der Grenztruppen mit Baujahr 1982. Im Oldtimer zum Rettungseinsatz?
Konni Lutter lächelt säuerlich: Viel gebracht haben die Bittbriefe nicht. Groß waren die Ansprüche ohnehin nicht: Ein Hunderter hätte es vielleicht sein können. "Effelder und Siegmundsburg haben dann Geld gegeben, 30 Euro spendierte Scheibe-Alsbach - das ist die ganze Unterstützung aus den Orten." Eine Bergwacht zu unterhalten ist keine kommunale Pflichtaufgabe. Was die Aussicht auf einen neuen Schlitten betrifft geht die Lobbyarbeit also fleißig weiter: Der Landtagsabgeordnete wurde angewählt wegen Lottomitteln, beim Landrat durchgeklingelt wegen eines Zuschusses, beim Bergwachtträger, dem Deutschen Roten Kreuz, vorgesprochen um dort für eine anteilige Finanzierung des wohl 10 000 Euro teuren Geräts vorzuglühen. Lutter wiegt denn Kopf: "Mal sehen, was das Jahr bringt."
Vergangenen Sonntag war Zwergencup in Steinach angesetzt. Die Vier- bis Zehnjährigen schubberten gemächlich in weiten Bögen den Fellberg hinab. Meist breitbeinig im Pflug - der flotte Parallel-Schwung stand für manchen noch nicht auf dem Stundenplan. Nina Siegmund aus Erfurt rutscht die Wettkampfstrecke fürsorglich neben Töchterchen Claudia den Hang runter. Die Fünfjährige meistert den Hang ohne Sturz und zum ersten Mal. Die gestoppte Zeit der Tochter kommentiert die Mutter mit zufriedenem Nicken: "Das ist natürlich kein Vergleich zu den Steinachern", lacht sie. "Die sind hier doch alle mit Skiern an den Füßen auf die Welt gekommen."
Sicherheitsgefühl
Nebenan, zwischen den Zuschauern an der Talstation, steht Martina Stauch in ihrer dick wattierten Rot-Kreuz-Jacke und schaut dem Kinderspektakel zu. Als 14-Jährige wurde Stauch in den 60er Jahren hier in Steinach Deutsche Meisterin. Heute arbeitet sie als Onkologin in ihrer eigenen Praxis in Kronach. Und ihr Wochenende gehört weiter dem Fellberg. Wie viele Bereitschaftsstunden es denn dieses Jahr schon waren? Martina Stauch lacht. Wer freiwillig hier ist, zählt so etwas nicht mit. Die Motivation zum Ehrenamt schlüsselt sich nicht in einer Zahl auf: "Etwas zurückgeben" - davon spricht Stauch dann doch. Die alpine Sporttradition Steinachs, die man selbst als Kind erlebt hat, und die Verbundenheit zum SV 08, dessen Mitglied Stauch ist, das sind schon eher die handfesten Gründe . "Der schlimmste Unfall, dass war einmal ein 20-Jähriger, der vor zwei Jahren am Steilhang in eine Fichte gerauscht ist", erinnert sich Stauch. Der Junge blieb liegen, ein Wirbelbruch war offensichtlich. Dass dieser für den Betroffenen ohne Querschnittslähmung ausging, ist zuerst dem professionellen Einsatz der Kameraden zu verdanken: Die Rettung im Berg, sie wird geübt auf Lehrgängen. Um so etwas zu lernen, kurven die Aktiven in ihrer Freizeit zurzeit noch bis zum Ausbildungszentrum nach Oberhof.
Dass solch schweren Einsätzen ein Wort der Dankbarkeit folgt, sei eher selten, sagen Stauch und Lutter. "Die kleineren Verletzungen" schieben ab und an noch etwas für die Kaffeekasse über den Tisch. "Ein 5-Euro-Schein." Viel mehr ist oft nicht drin.
"Der offene Unterarm von neulich wollte eigentlich noch ein paar E-Mails mit Bildern schicken", fällt Konni Lutter noch ein. Mal schauen was sie wert sind. Die Retter selbst jedenfalls dokumentieren ihr Engagement und ihre Kameradschaft in einem eigenen Internetauftritt unter www.bergwacht-scheibe-alsbach.de.
Hin und wieder kann man zumindest im Web-Gästebuch einen Eindruck bekommen, dass Erste Hilfe und Dankbarkeit dafür sich doch bisweilen die Hand geben: "Hallo, bin die mit dem gerissenen Kreuzband beim Enduro-Rennen in Neuhaus vom letzten September". Liebe Grüße aus dem Flachland.
Und ein Lausitzer Skihase macht per Internet-Brief deutlich, dass Retterpräsenz und Sicherheitsgefühl für Wintertouristen ein Standortfaktor sind: "Wenn es so ist das man Bedenken haben muss, dass die Sicherheit und schnelle Versorgung nicht mehr gegeben ist dann wandern bestimmt viele Leute wieder in die bayrischen Skigebiete ab, wo die Sicherheitspräsenz viel deutlicher ist und man sich einfach durch deren Anwesenheit schon sicher und geborgen fühlt, auch wenn nichts passiert." Freilich: Dass nichts passiert, liegt kaum in der Hand der Bergretter. Doch, dass dank schnellen Zugriffs Stürze oft ohne schlimme Spätfolgen abgehen, dafür lassen sich die Scheibe-Alsbacher in die Pflicht nehmen. Ehrenamtlich.
ANDREAS BEER

