Erste Adresse für Erste Hilfe - Freies Wort vom 24.02.2009

Bei Skispaß-Turnier stimmen Thüringens Retter auch Sorgenlieder an

Steinach – Die Schussfahrt im Weiß einmal von derFür Erste Hilfe am Unfallort sind in der Steinacher Skiarena Scheibe-Alsbachs Bergwachtler die erste Adresse. Der ehrenamtliche Dienst hilft, die aufwändige Ausrüstung zu finanzieren. unbeschwerten Seite erleben? Dieses Vergnügen gönnten sich am Wochenende Bergwachtbereitschaftler aus ganz Thüringen in der Skiarena Silbersattel – beim traditionellen Ski-alpin-Wettbewerb der Kameradschaften. Knapp 60 Starter aus einem Dutzend Teams reisten zu dem geselligen Miteinander der eiskalten Art in die Brunnenstadt. Organisiert wurde der Wettbewerb von der Sektion Scheibe-Alsbach, deren Hausberg das Fellberg-Areal ist. Die Gastgeber übernahmen die schöne Pflicht ein reibungsloses Vergnügen auszurichten, anstatt, wie sonst die Saison über üblich, bergauf und talab Erste Hilfe für Verunfallte zu leisten.

Knapp 50 Einsatztage haben die Scheibe-Alsbacher in der laufenden Saison in Thüringens größtem Skigebiet bereits „abgerissen“. Silbersattel-Geschäftsführer Gerhard Müller lobt seine Jungs in den roten Jacken denn auch gerne über den grünen Klee: „Die machen einen Super-Job.“ Ob Wochenende oder Feiertag, auf Zuruf oder wenn es gilt, Turniere abzusichern, „seit Jahren stehen die Scheibe-Alsbacher parat und schieben einen schicken und ordentlichen Dienst.“
 

Steinachs oberster Schneezirkus-Direktor betont, dass die Vor-Ort-Truppe in der Arena zudem ein wertvoller Aktivposten fürs Renommee ist. „Es ist einfach beruhigend für die Gäste.“ Und derer waren es nicht wenig im bisherigen Traumwinter 2008/2009, nämlich bisher rund 40 000.

Vertletzt in der Abfahrt

Zu den spektakulärsten Einsätzen des Retter-Zusammenschlusses in dieser Saison zählt die Premiere einer Rettungshubschrauber-Landung an Silvester auf dem Plateau. Nachdem der Sessellift abgeknipst war und eigentlich der Sekt kaltgestellt sein wollte, kam via Funk die Meldung, ein verletzter Skifahrer liege auf der Familienabfahrt. Die Kameraden informierten die Rettungsleitstelle, ein 40-Jähriger habe sich die Schulter ausgekugelt hatte. Wegen der Schmerzen ließ sich der Mann kaum anderweitig bergen, also wurde der DRF-Heli Christoph 60 angefordert.

Nachdem Schmerzmittel verabreicht waren, wurde der Patient eingeladen und ins Klinikum Suhl geflogen, schildert Kameradschaftsleiter Konni Lutter. Durchs Team der Skiarena war zwischenzeitlich per Pistenraupe die Familie des Verunfallten an den Unfallort gebracht worden. Die Notärztin informierte die Ehefrau und diese konnte dem Familienvater schließlich mit dem Auto ins Klinikum folgen.

Lutter: „Dieser Einsatz zeigte die sehr gute Zusammenarbeit zwischen Bergwacht, Skiarena und Bergwacht, Rettungsleitstelle und Rettungskräften.“

Einem Unfallhoch in den vergangenen Wochen möchte Lutter trotzdem nicht das Wort reden. Klar, die Einsatzzahlen sind nach oben geschlittert, aber prozentual, also im Vergleich zum Besucheraufkommen, sei alles im grünem Bereich.

Dennoch gibt es Zeiten, an denen man aus der Thermojacke -nicht herauskommt. Fünf Snowboarder mit zerschrotetem Handgelenk schlugen beispielsweise an einem einzigen Tag im Stundentakt hintereinander auf. Und über dieses Publikum schimpft Lutter. Es sei immer derselbe Mix aus Selbstüberschätzung und mangelndem Können, der seine Rot-Kreuzler auf den Plan und in die Piste ruft.

„Das sind dann welche, die sich lieber vom Kumpel das Boarden beibringen lassen, als vielleicht ein paar Stunden in den Skilehrer zu investieren, der einem die Grundbewegungen beibringt.“

Wenn diese Grünhörner dann auf die Schnauze fallen, „kein Wunder“.

Ins Lied über alpin bebrettelte Sorgenkinder wissen natürlich auch andere Thüringer Bergwacht-Chefs einzustimmen. Oberhofs Rainer Mahn etwa berichtet von seinen zwei bis drei Einsätzen jedes Wochenende im Skigebiet am Inselsberg. Mittlerweile seien es weniger die Knochenbrüche, die das Bild prägen, als vielmehr schlimme Schnittwunden. „Wenn die Stahlkanten ins Fleisch schneiden, dann ist man oft gleich bis auf den Knochen durch.“

Doch immerhin: Nach dem Unfall von Thüringens oberstem Skifahrer sei ein Mehr an Vernunft zu beobachten. Der Trend zum Helm ist da. Eine Pflicht hierzu allerdings gibt es nicht. Sie wäre wohl auch kaum durchzusetzen oder zu kontrollieren.

Mike Schmidt, Leiter der Bereitschaft in Gehlberg, mahnt entsprechend an, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen für den notwendigen Dienst der Bergwachten im Urlauberland Thüringen. Bekanntlich zählt die Unterstützung der Kameradschaften – im Gegensatz zur Freiwilligen Feuerwehr – nicht zum Kanon der gesetzlichen kommunalen Pflichtaufgaben. Wie sie also Kosten für Funkgeräte und Motorschlitten, für Stiefel und wetterfeste Jacken bestreiten sollen, bleibt hierzulande allein der Fantasie der Freiwilligen geschuldet. Dass er es leid sei, ständig Bettelbriefe um Fördermittel nach Erfurt zu schicken oder Sponsoren anzubaggern, lässt Schmidt daher deutlich anklingen. „Da besteht eine absolute Diskrepanz zwischen der Funktion, die wir wahrnehmen, und unserer Ausstattung.“ 51 Euro beispielsweise vergüten die Krankenkassen den Ersthelfern in Thüringen. Wenn allerdings in Bayern eine Bergwacht Sanitäter anfordere, würde im Nachgang die siebenfache Summe überwiesen. Wie man also bitteschön für „nen Fuffi“ pro Einsatz Technik und Ausrüstung anschaffen, unterhalten und reparieren solle? Für den Ilmkreisler Schmidt eine offene Frage.

Pokal-Dreier für Gehlberg

Die Gleichstellung mit den Feuerwehren voranzutreiben, allerdings keine Neiddebatte anzustoßen, das ist dieser Tage Stoßrichtung der im DRK organisierten Bergwachten.

Günter Senf, stellvertretender Landesvorsitzender, äußerte am Rande der Veranstaltung in Steinach, man werde demnächst zumindest bei der Vergütung für die Jugendarbeit in Erfurt nachhaken. Geplant sei hierzu ein Antrag an die Landesregierung.

Zu den Fragen, die sich am Wochenende immerhin klären ließen, gehört die nach der schnellsten Bergwacht Thüringens. Die Gehlberger Mike Schmidt und Lothar Greiner sicherten sich beim Alpin-Wettbewerb den Titel der flottesten Mannschaft, Pia Wagner aus Gehlberg bekam den Pokal für die schnellste Bergretterin und Mike Schmidt den des schnellsten Retters. Die Pokale immerhin waren an diesem Abend der handfeste Lohn für ein Engagement, das ansonsten kaum mit Geld aufgewogen wird.

Text und Bilder: Andreas Beer